Händel meets Lollipop: Familienwoche in der Tonhalle

Wenn sich vor dem ehemaligen Planetarium am Rhein Kinder, Buggys und junge Mütter mit Tragetuch und Wickeltasche versammeln, dann ist es wieder so weit: Familienwoche in der Tonhalle! Ich war auch dabei und habe mir zwei Inszenierungen angeschaut.

KRABBELN – SPÜREN – LAUSCHEN: MÄRCHENLAND
(Ein Konzert für Kinder von 0 bis 2 Jahren)

Märchenland: ein Konzert zum mitmachen

Märchenland: ein Konzert zum mitmachen

Als drei himmelblau gekleidete Darsteller anfangen zu singen und zu schnalzen wird es schlagartig ruhig vor dem Helmut-Hentrich-Saal  in der Tonhalle. Kein quatschen, quaken und plappern mehr. Alle Köpfe drehen sich neugierig in dieselbe Richtung und lauschen der Musik. Mathias Hudelmayer, Angela Froemer und Tanja Emmerich haben es geschafft: Bereits bevor das Konzert beginnt, haben sie die Kinder in ihren Bann gezogen. Märchenland steht heute auf dem Programm der Konzertreihe Himmelblau für die Allerkleinsten.

Und dann öffnen sich die Türen, alle 25 Kinder und ihre Eltern ziehen die Schuhe aus – sofern schon welche vorhanden – und dürfen sich einen Platz in einem Kreis aus bunten Stillkissen suchen. Die Bühne ist komplett leer. Im Hintergrund lediglich eine Stellwand aus Holz mit einem riesengroßen grünen Fischernetz, in dem orange-braune Stoffschläuche und ein Cello hängen. „Das Netz hatte ich noch irgendwo im Keller gefunden“, verrät mir die Konzertpädagogin Stephanie Riemenschneider. Sie hat das Stück in enger Zusammenarbeit mit den drei Darstellern konzipiert. Aber dazu später mehr…

Nun geht es erst einmal los, wir sind schließlich schon ganz gespannt: Während die meisten Kinder es sich auf dem Schoß oder zumindest in sicherer Nähe der Eltern bequem gemacht haben, krabbeln, hüpfen und rollen die drei Darsteller in rhythmischen Bewegungen über die Bühne und singen dazu eine scheinbar improvisierte Melodie. Beeindruckend ist, wie sie die Kinder mit dieser Performance im wahrsten Sinne des Wortes berühren: Schon nach kurzer Zeit trauen sich einige ohne ihre Mama auf die Bühne und beginnen ebenfalls, sich im Takt der Melodie zu drehen und zu hüpfen, zu klatschen und zu schnalzen. Unbewusst ahmen sie sogar Bewegungen der Tänzer nach und werden so Teil der Performance. Für große Begeisterung sorgen auch verschiedene Musikinstrumente, die nach und nach aus den Fängen des Fischernetzes befreit werden. Besonders spannend: das Cello. Es lockt selbst die kleinsten Besucher aus der Reserve. Ein Junge, der gerade robben kann, scheint sich magisch von den tiefen Klängen des braun schimmernden Instruments angezogen zu fühlen und arbeitet sich immer wieder ganz nah an den unbekannten Klangkörper heran – bis er von seiner Mama wieder ein Stückchen zurückgezogen wird, um direkt wieder loszurobben.

Das gesamte Konzert ist so konzipiert, dass sich die Kinder in den Bewegungen der drei Darsteller wiederfinden: Ein musikalisch umgesetzter Wutausbruch mit anschließendem Schmollen ist ebenso Teil der Performance wie das Maunzen einer Katze und typisch kindliche Bewegungen, die ihren Ursprung im Feldenkrais haben. Die körperlich orientierte Methode basiert nämlich auf den Bewegungsmustern von Babys und bietet die Grundlage der Tanzeinlagen auf der Bühne. Stephanie Riemenschneider erklärt mir außerdem, dass Klang, Bewegung, Form und Farbe stets gleichzeitig zum Einsatz kommen – und tatsächlich animieren diese vier Komponenten mutige Kinder zum mitmachen.

"Fabelhaft" in der Tonhalle

Auf Augenhöhe: Tanja pirscht sich von hinten an den kleinen Bühnenstar heran

Aber worauf reagiert das eigene Kind eigentlich? Tanzt und klatscht es ausgelassen auf der Bühne bei schnellen Stücken wie Lollipop oder genießt es eher eine Arie von Händel? Im Märchenland der Tonhalle treffen die unterschiedlichsten Genres aufeinander, „denn für die Kinder ist alles einfach nur Musik“, bemerkt Stephanie Riemenschneider und lacht. Ihr ist es wichtig, dass auch die kleinsten Konzertbesucher eine große Bandbreite an Genres kennenlernen und sich während der 30-minütigen Vorführung ganz frei im Raum bewegen.

Tanja Emmerich, Tanz, Mathias Hudelmayer, Violoncello, Angela Froemer, Gesang

Tanja Emmerich, Tanz // Mathias Hudelmayer, Violoncello // Angela Froemer, Gesang

… und weil ich so begeistert vom Märchenland war, habe ich mir auch gleich noch das Stück Hinter sieben Bergen aus der Reihe Sterntaler für euch angeschaut.

 

ZUHÖREN – ZUSCHAUEN – ZUSAMMEN ENTDECKEN:
HINTER SIEBEN BERGEN (Ein Konzert für Kinder von 2 bis 3 Jahren)

Begrüßt werden die Kinder bei diesem Konzert mit dem Sterntalerlied – ein bekanntes Moment, für alle, die bereits in einer der letzten Sterntaler-Aufführungen waren. Doch plötzlich rumpelt es in einer Truhe. Sie steht auf der Bühne, beinahe unscheinbar neben einer kleinen Kulisse aus Bäumen und einem verwunschenen Schloss. Alle sind ganz gespannt, woher das Poltern kommt: Es ist Klara. Klara? Na klar: eine Handpuppe, die die Kinder durch das gesamte Stück begleitet und ihre Gefühle und Gedanken zum Ausdruck bringt. „Durch Klara nehmen die Kinder aktiv an dem Geschehen auf der Bühne teil“, verrät mir Ariane Stern, die das Stück inszeniert hat.

Zusammen mit den Kindern schaut die Puppe mit den braunen Zöpfen und der Knubbelnase nach, was sich denn nun in der mysteriösen Truhe befindet. Sie entdecken ein Musikinstrument nach dem anderen: etwas mit schwarz-weißen Tasten, das sich mit einem Mundstück als Melodica entpuppt. Eine Blockflöte, mit der man zwitschern kann, wie ein Vogel. Und einen Piratenhaken, der mit einem Fernrohr und drei „seltsamen“ Einzelteilen zu einem Fagott zusammengebaut wird. Was ein Fagott ist? Die meisten Zuschauer kennen es mit Sicherheit ebenso wenig wie eine Melodica. „Spielerisch lernen die Kinder auf diese Weise auch ausgefallene Musikinstrumente kennen“, erklärt Ariane Stern. Ihre Idee: In jeder Sterntaler-Inszenierung steht ein neues Instrument im Fokus der gesamten Darstellung. Dieses Mal ist es das Fagott. Und nächstes Mal? Na, das müsst ihr schon selbst herausfinden :-).

Jeannette und Prinzessin Klarasade

Jeannette Enkelmann (links), die Moderatorin des Stücks und „Prinzessin Klarasade“ mit Evelyn Arndt, der Puppenspielerin

Klar, dass wir nun neugierig geworden sind und die Instrumente auch hören wollen: Im weiteren Verlauf der Inszenierung wird aus Klara Prinzessin Klarasade, die unbedingt ein Schloss finden möchte. Zusammen mit Jeannette macht sie sich auf eine musikalische Suche durch Wiesen, Wälder, reißende Flüsse und schmierige Matschepampe. Und dann steht es einfach so da, mitten im düsteren Wald: ein echtes Märchenschloss mit einem echten König, einer Königin und dem Drachen Theobald! Das muss natürlich gefeiert werden! Zum großen Finale kommen alle Kinder auf die Bühne und singen: „Drachentier, komm tanz mit mir, beide Tatzen reich ich dir, (…)“. Das absolute Highlight kommt jedoch anschließend: Die Kinder dürfen alle Instrumente selbst ausprobieren!

Neugierig gucken sich die Kinder das Fagott nun aus nächster Näher an.

Neugierig gucken sich die Kinder das Fagott nun aus nächster Näher an

Familienwoche in der Tonhalle: Hinter sieben Bergen

Hier wird nicht nur gelauscht und geguckt: Ulrich zeigt den Kindern das Akkordeon

Im November findet die nächste Familienwoche in der Tonhalle statt. Sie steht unter dem Motto Herzhaft und bietet allen Kindern von 0 bis 10 Jahren ein klangvoll buntes Programm. Der Vorverkauf beginnt am 28. Oktober. Da die Konzerte der Familienwoche meist in kürzester Zeit ausgebucht sind, bietet die Tonhalle einen
E-Mail-Service zum Vorverkauf an.

Viel Spaß beim Krabbeln, Lauschen und Entdecken! Ich bin im November mit meinem Kleinen auf jeden Fall wieder dabei!

Fotos: Susanne Diesner, © Tonhalle, Text: Sophie Blady

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